Guten Morgen oder gute Nacht? Aus dem Tagebuch des Studenten Manne.

Diese Geschichte habe ich irgendwann mal in den Tiefen des damals (2000) noch neuen Internets gefunden, leider habe ich keine Quelle dafür finden können. Wenn mir jemand da helfen kann bin ich sehr dankbar.

Schön finde ich diese Geschichte, weil sie wahrscheinlich auch auf heutige Bachelor-studenten zutrifft, die meinen, in 4 Semestern ein komplettes Studium abschließen zu können.

Und es zeigt auch sehr schön, was passiert, wenn an den Unis nur stupides auswendig lernen gefördert wird.

Guten Morgen oder gute Nacht?
Aus dem Tagebuch des Studenten Manne.

1. Semester

05:30
Der Quarz-Uhr-Timer mit Digitalanzeige gibt ein zaghaftes „Piep-piep” von sich. Bevor sich dieses zu energischem Gezwitscher entwickelt, sofort ausgemacht, aus dem Bett gehüpft. Fünf Kilometer Jogging um den Stausee, mit einem Besoffenen zusammengestoßen, anschließend eiskalt geduscht.
06:00
Beim Frühstück Wirtschaftsteil der Vortagszeitung repetiert und Keynes interpretiert. Danach kritischer Blick in den Spiegel, Outfit genehmigt.
07:00
Zur Uni gehetzt. Pech gehabt: erste Reihe schon besetzt. Niederschmetternd. Beschlossen, morgen doch noch eher aufzustehen.
07:30
Vorlesung, Mathe. Keine Disziplin! Einige Kommilitonen lesen Sportteil der Zeitung oder gehen zum Bäcker frühstücken. Alles mitgeschrieben. Füller leer, aber über die Witzchen des Dozenten mitgelacht.
09:00
Vorlesung, Systemtheorie. Verdammt! Extra neongrünen Pulli angezogen und trotz eifrigem Fingerschnippens nicht drangekommen.
10:45
Nächste Vorlesung. Nachbar verläßt mit Bemerkung “Sinnlose Veranstaltung” den Raum. Habe mich für ihn beim Prof entschuldigt.
12:00
Mensa Essen. Nur unter größten Schwierigkeiten weitergearbeitet, da in der Mensa zu laut.
12:45
In Fachschaft gewesen. Mathe Skript immer noch nicht fertig.
Wollte mich beim Vorgesetzten beschweren. Keinen Termin bekommen, daran geht die Welt zugrunde.
13:00
Fünf Leute aus meiner OE-Gruppe getroffen. Gleich für drei AG’s zur Klausurvorbereitung verabredet.
13:30
Dreiviertelstunde im Copyshop gewesen und die Klausuren der letzten 10 Jahre mit Lösungen kopiert. Dann Tutorium: Ältere Semester haben keine Ahnung.
15:30
In der Bibliothek mit den anderen gewesen. Durfte aber statt der dringend benötigten 18 Bücher nur vier mitnehmen.
16:00
Projektseminar. War gut vorbereitet. Hinterher den Assi über seine Irrtümer aufgeklärt.
18:30
Anhand einschlägiger Quellen die Promotionsbedingungen eingesehen und erste Kontakte geknüpft.
19:45
Abendessen. Verabredung im „Blauen Haus” abgesagt. Dafür Vorlesungen der letzten paar Tage nachgearbeitet.
23:00
Videoaufzeichnung von „WiSo” angesehen und im Bett noch das „Kapital” gelesen. Festgestellt, 18-Stunden-Tag zu kurz. Werde demnächst die Nacht hinzunehmen.

13. Semester

10:30
Aufgewacht!! Ach, Kopfschmerzen, Übelkeit, zu deutsch: KATER!!
10:45
Der linke große Zeh wird Freiwilliger bei der Zimmertemperaturüberprüfung. (Arrgh!) Zeh zurück. Rechts Wand. links kalt: Mist, bin gefangen.
11:00
Kampf mit dem inneren Schweinehund: Aufstehen oder nicht – das ist hier die Frage.
11:30
Schweinehund schwer angeschlagen, wende Verzögerungstaktik an und schalte Fernseher ein (inzwischen auch schon verkabelt!)
12:05
Mittagsmagazin beginnt. Originalton Moderator: „Guten Tag liebe Zuschauer – Guten MORGEN liebe Studenten.” Auf die Provokation hereingefallen und aufgestanden.
13:30
In der Cafeteria der Mensa beim Skat mein Mittagessen verspielt.
14:30
In Rick’s Café hereingeschaut. Geld gepumpt und ‘ne Kleinigkeit gegessen: Bier schmeckt wieder! Kurze Diskussion mit ein paar Leuten über die neuste Entwicklung des Dollarkurses.
15:45
Kurz in der Bibliothek gewesen. Nix wie raus, total von Erstsemestern überfüllt.
16:00
Fünf Minuten im Seminar gewesen. Nichts los! Keine Zeitung, keine Flugblätter – nichts wie weg.
17:00
Stammkneipe hat immer noch nicht geöffnet.
18:15
Wichtiger Termin zu Hause: BINGO!
18:20
Mist! Kein BINGO!! Statt dessen Live-Übertragung von Stöhn-Seles. SAT 1 war auch schon besser…
19:10
Komme zu spät zum Date mit der blonden Erstsemesterin im Havanna. Immer dieser Streß!!
01:00
Die Kneipen schließen auch schon immer früher… Umzug ins Jovel.
04:20
Tagespensum erfüllt. Das Bett lockt.
05:35
Am Stausee von Erstsemester über’n Haufen gerannt worden. Hat mich gemein beschimpft.
06:05
Bude mühevoll erreicht. Insgesamt 27,50DM ausgegeben. Mehr hatte die Kleine nicht dabei.
06:45
Schlucke schnell noch ein paar Alkas und schalte kurz das Radio ein. Stimme des Sprechers: „Guten Morgen liebe Zuhörer, gute NACHT liebe Studenten.”

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4 Responses to Guten Morgen oder gute Nacht? Aus dem Tagebuch des Studenten Manne.

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  4. Houellebeck says:

    Ja, Studium in Münster ;)

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