Vortrag von Kardinal Christoph Schönborn zum Thema „Schöpfung und Evolution – zwei Paradigmen und ihr gegenseitiges Verhältnis“

im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Wiener Vorlesungen“ der österreichischen Akademie der Wissenschaften aus Anlass des Charles-Darwin-Jahres 2009 im Festsaal der Akademie am 4.März 2009. Gedächtnisprotokoll von Gabriel Stöckle

Vorrede des Moderators

Die Annahme eines Schöpfergottes ist für die Naturwissenschaftler eine Hypothese, für der Redner Kardinal Schönborn eine unumstößliche Tatsache, was wohl in seinem Beruf begründet liegt, er ist immerhin Kardinal.

Vortrag von Kardinal Christoph Schönborn

Kardinal Christoph Schönborn dankt zunächst für die Gelegenheit vor der Akademie sprechen zu dürfen. Er weißt auf die fehlende theologische Klasse als Fach hin. Er möchte aber klarstellen, dass er vom Fach spricht, einzelne Akademiemitglieder jedoch sehr wohl hochklassige Theologen seien.

Das Publikum ist amüsiert. Er beginnt damit, dass die Frage nach Ursprung, Weg und Ziel der Evolution nur durch die Theologie beantwortet werden kann. Aber er möchte sich zunächst die Fragen stellen: Warum gibt es überhaupt Antworten in der Natur? Was bedeutet Schöpfung für die Theologie? Lassen sich Glauben und Naturwissenschaft vereinbaren?

Kardinal Schönborn beginnt mit dem Bild des Alters des Universums dargestellt als Jahreslauf. Die Entstehung der Sonne und der Erde dauert hierin bis in den August und erst in den letzten Dezembertagen taucht der Mensch auf. Ein Menschenleben entspricht in diesem Bild nur einer Sekunde. Er stellt die Frage nach dem Sinn der Existenz des Menschen in einem solchen Universum, und für ein solches Universum. Schönborn zitiert Nietzsche: „In irgendeinem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmütigste und verlogenste Minute der Weltgeschichte, aber doch nur eine Minute, kläglich, zwecklos. Nichts ändert sich durch seine kurze Existenz “. Schönborn sagt: „Nietzsche ist dabei nicht pathetisch, er ist schlicht realistisch“.

Schönborn führt weiter aus und beschreibt die drei Kränkungen des Menschen der Neuzeit:

  1. Die Kopernikanische Kränkung: Die Erde steht nicht im Mittelpunkt der Welt
  2. Die Darwinistische Kränkung: Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung
  3. Die Freudsche Kränkung: Der Geist ist nicht frei, sondern gefangen in Trieben und Unterbewusstem

Vielleicht gibt es darüber hinaus sogar eine vierte Kränkung, nämlich dass alles vergänglich ist und nichts erhalten bleibt von unserer Welt. „Aber: “, so Schönborn, „jetzt sind wir hier, jetzt können wir die Welt bestimmen, egal was irgendwann sein wird, egal wie klein unser Leben ist.

Tatsache ist: Wir leben!“Die Menschen suchen Antworten für ihr Leben hier und jetzt. Und selbst in der Bibel ist diese vierte Kränkung nicht verheimlicht, Jesus selbst sagt: Erde und Himmel werden vergehen. Die Bibel leugnet die Endlichkeit nicht. Aber: Die Erde ist nicht sinnlos im All, die Erde ist Schöpfung, sie ist gewollt.

Schönborn weißt darauf hin, wie wichtig es ist, dass die Diskussion über die Sinnhaftigkeit des Lebens öffentlich und für jeden offen geführt wird, und wie wichtig es war, dass er 2005 die Diskussion in die New York Times und damit in die Öffentlichkeit geführt hat. Er berichtet von zwei Jugendlichen, von denen ihm von einer Mitarbeiterin berichtet wurde, wie diese sich in der U-Bahn unterhalten, ob „der Schönborn“ Recht hat. Der eine meint seine Existenz sei einfach ein Ergebnis des Zufalls und der andere meint im sei es lieber wenn er nicht nur aus Zufall heraus existiert. So wie es in diesem Land üblich ist endet die Diskussion der beiden unentschieden (Publikum aufgewacht, amüsiert sich).

Wichtig ist aber jetzt: Kann man das Paradigma „Unsere Existenz ist ein Ergebnis des Zufalls“ und „Unsere Existenz ist nicht Ergebnis des Zufalls“ gleichzeitig nebeneinander stehen lassen? Nein, das funktioniert nicht und das Erforschen der Natur bringt die Naturforscher selbst in Konflikt mit einem Glauben an die Schöpfung.

Die Vorstellung, dass die Arten wirklich einzeln und fertig geschaffen wurden, durch eine einzige Ursache zu ersetzen war eine Überwindung eines falschen Bibelverständnisses. Es war der Versuch, eine „natürliche“ Erklärung zu finden. Aber schon Darwin fragte sich: „Ist das nicht Mord am Schöpfer”? “

Darwin hatte Recht mit seiner Theorie und diese wird mehr und mehr belegt. Aber wie steht man zu der Frage, die im Dialog Newtons mit Laplace aufgeworfen wurde? Ich will den Dialog hier kurz beschrieben: Laplace hatte die Bahnen des Mondes besser als Newton berechnen können und konnte einige Hilfsannahmen Newtons weglassen. Newton, der in diesen Hilfsannahmen das Einwirken Gottes, um die Ordnung im All zu erhalten, sah, fragte: „Und wo ist in ihrem Modell der Platz von Gott?“ Worauf Laplace ohne blasphemisch klingen zu wollen, einfach antwortete „In meinem Modell benötige ich Gott nicht.“ Newton geht davon aus, das Gott an verschiedenen Stellen ins Weltgeschehen eingreifen muss, damit die Welt so bleibt wie sie ist. Darwin trifft eine ähnliche Aussage,. In seinem Werk „On the origin of species by means of natural selection, or the preservation of favoured races in the struggle for life“ sagt er: „Ich sehe keinen Grund, warum meine Thesen religiöse Gefühle verletzen.“

Gibt es einen Konflikt Wissenschaft gegen Mythologie, Zufall gegen Vorsehung, Entwicklung als Ersatz für Schöpfung? Und dann wozu das alles? Und wie lösen wir die Sinnfrage?

Diese Sinnfrage muss jeder Mensch für sich selbst lösen, jeder muss selbst seinen Sinn finden. Das Besondere an Darwin ist die Erkenntnis, dass alles vernetzt ist, dass nichts losgelöst vom Rest existiert. Wie Darwin sagt: „Es ist wahrhaft etwas Erhebendes darin, zu erkennen, dass das Leben aus einem so kleinen Keim entstanden ist.“

Aber wie setzt sich Darwin mit seinem Konflikt auseinander? Darwin nahm nie zwei Wahrheiten an, nicht die gefühlsmässige Wahrheit und eine Wahrheit der Naturwissenschaft, sondern für ihn gab es nur eine Wahrheit. Für Darwin war es unnatürlich, dass Gott jeden Schöpfungsakt einzeln durchgeführt hat. Diese Vorstellung war für ihn zu Recht absurd, denn die Schöpfung ist nicht als Bericht eines Schöpfungskreationismus zu sehen. Schöpfungstheologie hat nichts mit Kreationismus zu tun.

Aber Darwin hat vermutlich nie die wichtigen christlichen Vordenker intensiv gelesen. Er war kein „fleißiger Theologe“. Er verstand den Schöpfungsbericht als rein materialistische Kausalität. Er machte den gleichen Fehler wie viele Naturwissenschaftler heutzutage, die im Akt der Schöpfung nur eine Ursache in einem rein mechanistischen Weltbild sehen. Schöpfung ist nicht eine Ursache unter verschiedenen Wirkursachen. „Intelligent Design“ ist nicht der richtige Ansatz. Schöpfung kann nicht naturwissenschaftlich bewiesen werden. Aber der Naturwissenschaftler als Mensch kann erkennen, dass ein Schöpfer existiert.

Wir können nur Veränderungen und Entwicklungen sehen und nachempfinden. Aber: Schöpfung ist das Geschehen, dass „überhaupt etwas ist“. Naturwissenschaft ist in Gefahr ebenfalls zu einer Ideologie zu werden, wenn man sie als solche missbraucht. Dann entstehen daraus Dinge wie Rassismus, Kommunismus, extremer Kapitalismus. Das Ethos ist nicht naturwissenschaftlich erklärbar. Evolution hat die Entwicklung eines Ethos möglich gemacht, aber sie ist nicht die Ursache des Ethos. Verantwortung entsteht uns selbst gegenüber, dem eigenen Leben gegenüber, dem Schöpfer.

Ist der Schöpfer in der Evolution findbar?

Professor Ratzinger, Papst Benedikt sagt dazu in „Evolution und Design“: „Es gibt eine Vernünftigkeit der Evolution. Der Schöpfungsakt ist vernünftig.“. Die Naturwissenschaftler haben uns eine neue Dimension dieser Vernunft erkennen lassen, aber die Gefahr besteht, dass die Naturwissenschaft Fragen versucht zu beantworten, die sie nicht beantworten kann und darf. Die grossen Fragen „Wozu?“ und „Wohin?“ sind philosophisch, mathematisch, vernünftig. Als Prozess, als Ganzes, hat die Schöpfung eine Rationalität, die mit unserer Vernunft korrespondiert. Gibt es eine schöpferische Vernunft, dann müssen wir es wagen, dieser schöpferischen Vernunft zu vertrauen. Das ist das Besondere des Homo Sapiens, dass wir auf diese Vernunft vertrauen können.

Fragen

vom Moderator

  • Zum Thema „Zugang zur Evolution“:

Hat sich ihr Zugang zur Evolution seit ihrem Brief in der NYT 2005 weiterentwickelt? Sie sagten 2005: „Die Evolution als Prinzip der Ursache für die Entwicklung der Arten KANN wahr sein“ , was sagen sie dazu heute?

Schönborn: „Es gibt ja auch im Denken eine Evolution (grinst), aber diese ist nicht zwangsläufig zielgerichtet, also sind Verirrungen möglich. Die Evidenz der genetischen Evolution ist überwältigend, speziell in Bereichen der Molekulargenetik. Aber: diese Erkenntnis hat meinen Glauben nicht verringert, sondern die Faszination gesteigert. Freude und Bestärkung darin, dass alles zusammen gehört unter dem Begriff Schöpfung.“

  • Zum Thema „Intelligent Design“:

Sie wehren sich dagegen, dass sie diesem Begriff zugeordnet werden, ebenso gegen den Begriff des Kreationisten.

Schönborn: „Alles ist voller Design, aber nicht das Einzelne. Wir müssen das Ganze voller Design wahrnehmen, als Mensch. Es gibt ein falsches Denken, dass höhere Komplexität ein Beweis für intelligentes Design sei. Das ist ein Fehler. Gott ist nicht in der „Lücke”des Hochkomplexen“ zu finden.“

  • Zum Thema „Grenzüberschreitungen“:

Soll die Theologie und die Biologie nicht in ihren jeweiligen Bereichen bleiben. Möchten sie die gegenseitige Beschädigungsgefahr, unter der die Kirche wohl am meisten leiden würde, einschränken?

Schönborn: „Grenzüberschreitungen sind gefährlich. Das ist das Drama Darwins: er hat nur eine defizitäre Schöpfungslehre gekannt. Aber das war nicht, was die großen Denker der Christenheit wie Thomas von Aquin oder Meister Eckehart zum Thema Schöpfung gesagt hatten. Das was er wusste, musste er bekämpfen. Im Grunde sagen wir dasselbe.“

Fragen aus dem Publikum

  • Zum Thema „Erkenntnisakt“:

Man findet empirische Evidenz für Intelligenz bei Tieren, soziales Verhalten, etc. woher kommt der Erkenntnisakt, die Vernunft, die außerhalb der Evolution liegt?

Schönborn: „Es gibt unglaublich faszinierende Versuche die Funktionsweise des Gehirns nachzuvollziehen, aber was soll das gegen die Freiheit sagen, wenn man die physiologischen Effekte untersucht? Denkvorgänge, wie beispielsweise auch die Liebe “funktioniert”physiologisch, aber Liebe ist mehr als diese “Funktion”. Aber: die Naturwissenschaft erforscht Bedingungen, die physiologischen Substrate. Ich denke, das ist nicht alles.

  • Zum Thema „Komplementarität der Genetik und der Epigenetik“:

Es gibt ein Prinzip der Wechselwirkung, es gibt beispielsweise das Dogma der Trinität Gottes in der Religion. Aber als letzter Seinsgrund liegt das Gottesbild in unserem Denken begründet. Können nicht vielleicht die Naturwissenschaften uns sagen wie wir unser Gottesbild an unsere Erkenntniswelt anpassen müssen? Sollten wir das nicht zusammen erarbeiten?

Schönborn: „Richtig! Wir müssen zusammenarbeiten! Unsere Herangehensweisen müssen sich ergänzen.”

  • Zum Thema „Leid“:

Ist Leid sinnvoll? Wenn nicht, wo ist der Trost?

Schönborn: „Leid ist eines der größten Rätsel. Es gibt zwei Versuche das Leid zu erklären:

  1. Leid entspricht den Spänen die beim Hobeln fallen. Das ist grausam.
  2. Leid ist etwas dessen Sinn wir mit unserem beschränken Denken nicht verstehen können. Auch das ist grausam.

Ich selbst sage: wir müssen auf das Leid schauen. Es ist vielleicht die letzte Kränkung, dass wir nichts dagegen tun können, oder vielleicht liegt im Leid Verheißung. Wie Jesus sagt „Ich werde alle Tränen wegwischen.“ Aber: Das ist eine Glaubensfrage.“

Mehrere Fragen aus dem Publikum, eine letzte Antwort

  • Dilemma des Naturwissenschaftlers, der nicht zugeben kann, zu glauben. Die Evolution erklärt uns das „Wie?“ , die Genesis erklärt uns das „Wie?“ , aber was wir wissen wollen ist das „Warum?“ . Wie beantwortet die Theologie die Frage nach dem „Warum?“
  • Rassenfrage: Wie erklärt ein Missionar den Kindern in Afrika, das Adam und Eva in der Bibel weiss sind und wie kann dann die Geschichte in der Bibel auch für sie gelten, obwohl sie doch schwarz sind?
  • Fundiertes Sein im Gegensatz zum fundierenden Sein.Unser Sein hier ist fundierend auf einem höheren Wesen, dessen Sein im Fundament liegt. Was denken sie über diese Frage?
  • Vertrauen: Für mich ist Glauben Vertrauen und damit Nichtwissen. Glauben ist Vertrauen. Wissen widerspricht dem Vertrauen. Was denken sie darüber?
  • Papst Benedikt hat gesagt: „Naturwissenschaft kann und darf manche Fragen nicht beantworten.“ ,, warum?

Schönborn: „Die Naturwissenschaft kann manche Fragen nicht beantworten, weil sie sonst ihre eigenen Methoden in Frage stellen würde, weil sie selbst zur Ideologie werden würde. Für mich ist Glauben auch Vertrauen, aber ich denke, dass Glaube auch vernünftig, rational sein muss. Unvernünftige Religion ist eine schlechte Religion, sie hat die Schöpfungsidee nicht verstanden.

Der Erfolg der Naturwissenschaften besteht in ihrer selbst auferlegten Beschränkung auf Messbarkeit. Naturwissenschaftliche Arbeit ist eine der zielorientiertesten Tätigkeiten überhaupt, aber sie schließt die Suche nach Zielen nicht mit ein. Philosophie, Kunst, Glaube ist vielleicht die richtigere Methode, um Ziele zu suchen.“


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